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Vorsicht, versteckter Alkohol!

Ob Schokolade, Zwiebelsuppe, Apfelessig oder Fertiggericht – der Suchtstoff findet sich auch dort, wo ihn keiner vermutet, und wird so zur Gefahr für Alkoholkranke
von Dr. Stefanie Reinberger, 21.11.2017

Gut verborgen: Auch Apfelessig kann zum Beispiel Spuren von Alkohol enthalten

Getty/Stockfood Creative

"Alles, was ein Bier braucht" – mit diesem Slogan vermarktet ein bekannter Getränkehersteller sein angeblich alkoholfreies Produkt. Doch das Hopfengebräu ist mitnichten alkoholfrei, wie das Etikett glauben lässt. Vielmehr enthält es 0,45 Volumenprozent des Suchtstoffs – ähnlich wie vergleichbare Produkte.

Etikettenschwindel, urteilen Verbraucherschützer, und Suchtexperten warnen davor, dass auch kleine Mengen für trockene Alkoholiker zur Gefahr werden können. Eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht für den Restalkohol gibt es nicht – auch wenn viele Hersteller freiwillige Angaben dazu machen. Verpflichtend ist der Hinweis auf den Alkoholgehalt von Getränken erst ab 1,2 Prozent.

Weit verbreitetete Zutat

Viele weitere Lebensmittel enthalten den Suchtstoff. Was beim Weinsauerkraut noch naheliegt, würden bei Schokoriegeln, Speiseeis oder Konfitüren nur die wenigsten vermuten. Doch häufig offenbart ein genauer Blick auf die Zutatenliste, dass in vermeintlich harmlosen Süßigkeiten oder Fertiggerichten ebenfalls Alkohol verarbeitet wurde.

Auch beim Essig ist Vorsicht geboten: Zwar wird der Alkohol bei der Herstellung durch Bakterien zu Essigsäure umgesetzt. Doch bei manchen Sorten setzen Hersteller anschließend wieder Alkohol zu, um den typischen Geschmack zu erhalten. Ein solcher Zusatz ist kennzeichnungspflichtig, doch kann er sich hinter verschiedenen Bezeichnungen verbergen: Äthyl- oder Ethylalkohol, Äthanol oder Ethanol, Weingeist, Spiritus, die chemische Formel C2H5OH und – obwohl giftig – sogar Methanol.

Vorsicht an der Kuchentheke

Noch komplizierter wird es beim offenen Verkauf. An der Kuchentheke beim Bäcker oder im Restaurant muss der Alkohol überhaupt nicht ausgewiesen werden. Hier liegt die Verantwortung nachzuhaken allein beim Konsumenten.

Beispiele für Lebensmittel, die Akohol enthalten:

  • Gewürzsauce: kann mit Whisky verfeinert sein
  • Stärkungsmittel: bis zu 80 Prozent Alkohol
  • Apfelessig: enthält Spuren von Alkohol
  • Zwiebelsuppe: manche Produkte mit Branntwein gewürzt
  • Alkoholfreies Bier: bis zu 0,5 Prozent Alkohol enthalten
  • Hustensaft: früher mit Alkohol, heute meist ohne
  • Hustentropfen: mit  bis zu 40 Prozent
  • Konfitüre: Spuren von Alkohol möglich
  • Schokolade: manche Produkte enthalten 0,25 Prozent

Medikamente und sogenannte Stärkungsmittel haben es ebenfalls häufig in sich. "Da hilft nur, den behandelnden Arzt auf ein bestehendes Alkoholproblem anzusprechen, damit dieser möglichst eine alkoholfreie Variante verschreibt", sagt Professor Falk Kiefer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Für den einen harmlos, für den anderen riskant

Doch wie gefährlich ist der Alkohol in einem Teelöffel voll Hustentropfen, einer Praline oder einem  Stückchen Schwarzwälder Kirschtorte tatsächlich? Das ist schwer messbar, denn Suchtgefahr und Rückfallrisiko sind individuell sehr verschieden. "Es ist im Normalfall nicht so, dass ein Alkoholkranker sofort in den nächsten Schnapsladen läuft, nur weil er versehentlich eine Likörpraline gegessen hat", sagt Kiefer.

Die Gefahr ist viel subtiler – gerade weil ein minimaler Alkoholgehalt in Speisen und Getränken oft keine körperliche Reaktion auslöst. "Das führt leicht zur Selbstüberschätzung im Sinne von: Wenn mir die Schwarzwälder Kirschtorte nicht geschadet hat, ist bestimmt auch ein kleiner Schnaps drin", so Kiefer. Daher empfehlen Suchtexperten ihren Patienten dringend, alkoholhaltige Zutaten und Getränke möglichst zu vermeiden. Auch kleine Mengen verleiten zum Trinken.

Der Geschmack verführt zum Trinken

Aber allein das Ritual, sich ein Bier – wenn auch alkoholfrei – einzugießen, weckt bei manchem das Bedürfnis nach "echtem" Alkohol. Ebenso kann der Geschmack, der an das Lieblingsgetränk erinnert, die Sucht erneut befeuern. Daher ist sogar Rumaroma oder Bier mit 0,0 Prozent Alkohol problematisch.

Zur Unterstützung bekommen Alkoholkranke in der Klinik Listen mit Lebensmitteln, bei denen Vorsicht angezeigt ist. Die Verantwortung, auch das Kleingedruckte auf der Zutatenliste zu durchforsten, liegt aber allein beim Patienten. Kiefer plädiert daher für eine klare Kennzeichnung, insbesondere bei Getränken und Medikamenten.

Verbraucherschützer für Kennzeichnung

Diese Forderung unterstreicht auch die Verbraucherorganisation Foodwatch. So könnte beim Bier etwa, ähnlich wie in England bereits praktiziert, statt "alkoholfrei" besser "alkoholarm" auf dem Etikett stehen. Auch den offenen Verkauf möchte der Verein in die Pflicht nehmen, alkoholische Zutaten deutlich zu deklarieren.

Kritisch sieht Foodwatch zudem, dass sogenannte Trägerstoffe bislang nicht auf den Zutatenlisten erscheinen, wenn also beispielsweise ein Aromamittel in Alkohol gelöst wurde. "Wo Alkohol zugefügt wurde, muss dies unbedingt auch gekennzeichnet werden – und wenn die Menge noch so gering ist", betont Lena Blanken, Expertin für Lebensmittelkennzeichnung bei Foodwatch. "Nur so hat der Verbraucher eine Wahl." Und das gilt nicht nur für Süchtige, sondern für jeden, der etwa aus gesundheitlichen oder religiösen Gründen auf Alkohol verzichten will.



Bildnachweis: Getty/Stockfood Creative

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